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Nora Heer im Handelsblatt Expertenrat zum Thema "Jamaika und das Brodeln unter der Oberfläche"

Geposted von Nora Heer am 1. November 2017

 

Jamaika und das Brodeln unter der Oberfläche

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Die AfD und ihre Wähler sind wie ein Eisberg – schwer auszumachen und bedrohlich. Ihr Erfolg ist ein echtes Problem für die künftige Regierung. Sie sollte von Freud lernen, wie man mit Ängsten umgeht. Was hat Deutschland nach der Wahl mit Eisbergen zu tun? Und, was kann eine neue Regierungskoalition daraus lernen?

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Spätestens seit dem Untergang der legendären Titanic ist allgemein bekannt, dass die Spitze desEisbergs weniger ist als die halbe Wahrheit. Denn der mächtigere Teil des Klotzes befindet sich unter der Wasseroberfläche. Kaum wahrnehmbar, bedrohlich und – im Fall der Titanic – ausgesprochen zerstörerisch.

Mir scheint, dass der Eisberg eine geeignete Analogie für das Verständnis menschlichen Handelns ist. Warum dies also nicht auf die Analyse der Bundestagswahl anwenden? Damit sind wir gleich beim Erfolg der AfD und dem Aderlass der großen Volksparteien.

Rechtspopulisten sind weltweit auf dem Vormarsch. In manchen Ländern sind sie inzwischen so stark, dass sie kurz davor zu stehen scheinen, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren. So gesehen, war das Abschneiden der AfD in Deutschland eher bescheiden. Trotzdem ist das Entsetzen bei den Parteien, in den Medien und weiten Teilen der Öffentlichkeit groß. Zu Recht. Denn die AfD- Wählerschaft ist wie ein Eisberg. Man weiß nicht so richtig, was sich da unter der Oberfläche verbirgt. Sind es völkische Hetzer? Dumpfe Abgehängte? Revisionisten? Oder doch nur bürgerliche Wirtschaftsliberale und einfache Protestwähler? Die Spitze des Eisbergs, die Führungsriege der
Partei, lässt im gegenwärtigen Zustand auch kein abschließendes Urteil zu. Parteiprogramm hin oder her.

Eines haben alle Rechtspopulisten gemeinsam: Sie nutzen vorhandene und oft auch diffuse Ängste in der Bevölkerung und kochen daraus erfolgreich ihr politisches Süppchen. Was auffällt dabei: Es sind nicht ausschließlich die wirtschaftlich Abgehängten, die auf die Rhetorik von Wilders, Le Pen, Gauland und wie sie alle heißen ansprechen. Untersuchungen haben gezeigt, dass es eher um kulturelle Ängste geht, Ängste, die ausgelöst werden durch die zunehmende Globalisierung und Digitalisierung der Gesellschaft. Kurzum: um Modernisierungsprozesse. Der Erfolg der AfD wiederum ist ein echtes Problem für eine zukünftige Regierung. Denn die Unzufriedenen haben nun ein Sprachrohr im Bundestag gefunden.

Auch Sigmund Freud wusste, dass es sich lohnt, einen Blick unter die Oberfläche des unmittelbar Wahrnehmbaren zu wagen. Ihm war klar, dass wir nicht nur von bewusstem Denken und rationalem Handeln bestimmt werden. Wir hätten zwar immer gern alles unter Kontrolle, doch das Unbewusste lässt sich nie ganz verdrängen. Der größte Anteil unserer Handlungsmotive befindet sich nach Sigmund Freud in den vorbewussten und unbewussten Bereichen unserer Psyche. In diesen zwei psychischen Teilen unserer Persönlichkeit, den vorbewussten und unbewussten Bereichen, lauern unsere Ängste und verdrängten Konflikte. Sie beeinflussen uns stärker, als wir zugeben wollen und als uns lieb sein mag. Diese Sichtweise auf das menschliche Denken und Handeln hat Freud letztlich zu einem sehr erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht. In psychotherapeutischen Sitzungen wird
Unbewusstes mühsam hervorgeholt, bewertet und rational verarbeitet. Auch wenn Freud immer umstritten war und nach wie vor ist – im Prinzip lag er völlig richtig, unzählige erfolgreiche Therapien weltweit sprechen für sich. Seine verdrängten Ängste zu kennen, ist ein erster wichtiger Schritt, um zu verhindern, dass sie uns dominieren und blockieren.

Und was kann die sich gerade zusammenraufende Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen von Freud lernen? Es ist mühsam, aber genauso unvermeidlich, sich intensiv mit Ängsten und Verdrängtem in einer Gesellschaft offen auseinanderzusetzen. Wenn es gilt, auf das „Brodeln unter der Oberfläche“ schlüssige Antworten zu finden, so lautet die Devise: genau hinsehen und gut zuhören! Die Unzufriedenen reflexartig in eine moralische Schandecke zu drängen, scheint mir auf jeden Fall keine verheißungsvolle Strategie zu sein. Die Ängste, so diffus sie auch sein mögen, sollten auf jeden Fall ernst genommen werden. Denn auf sie gibt es nur eine Antwort: rationale Argumente.

Hier geht es zum Artikel.

Topics: Management & Leadership

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